Ein Minimalistischer Arbeitsplatz mit Kaffeetasse, Notizblock und Stift. Der Schreibtisch steht vor einem Fenster mit Blick auf eine verschwommene Winterlandschaft. © Adobe Stock, Bildnummer: 1858344079

Ambivalenz

Einer Idee Form geben zu wollen – auf diese Weise beginnt jedes Projekt. Die Herangehensweise und der Weg zum Ziel können sich jedoch fundamental voneinander unterscheiden. Während ich in den vergangenen Wochen an meiner neuesten Idee gearbeitet habe, ist mir dieser Umstand zum ersten Mal wirklich bewusst geworden.

Beinahe ambivalent erscheint mir der gesamte Prozess der Formgebung, ob es nun die Struktur oder die Figuren betrifft. Natürlich sind beides Grundvoraussetzungen für das Schreiben. Sie bilden das Fundament des Projekts, und doch ist etwas anders – nein, genau genommen ist alles anders.

Das beginnt bereits bei der Art der Geschichte, von der ich nicht einmal mit Sicherheit sagen kann, wann oder ob ich sie je fertigstellen werde. Im Augenblick erscheint mir die Arbeit besonders wichtig, weil sie ein Aufbäumen wider eines Zeitgeistes ist, den ich beobachtet habe. Doch ihre Umsetzung ist ein Balanceakt, obwohl der Auftakt besonders ermutigend schien.

Üblicherweise ähnelt sich der Prozess, sobald eine Idee mich nicht mehr loslässt. Ich verfeinere sie, strukturiere alles, was mir dazu einfällt, und beginne mit ihrer Verwirklichung. Natürlich entwickelt jede Idee während ihrer Umsetzung ein Eigenleben. Sie wird zu etwas Größerem und durchbricht dabei mitunter die festgelegte Struktur, ohne das Gesamtkonzept zu verändern. Dennoch behalte ich das Ziel dabei fest im Blick. Es ist wie ein Ankerplatz, auf den ich zusteuern kann.

Jeder Geistesblitz und jedes Kapitel bringen mich diesem Punkt ein kleines Stück näher. Ein kleiner Umweg kann sich dabei als Segen entpuppen, weil er einen Aspekt beleuchtet, den ich zuvor kaum bedacht hatte. Möglicherweise erscheint das sehr schematisch. Allerdings bleiben in diesem Muster immer ausreichend Räume, um in einen kreativen Fluss einzutauchen, denn genauso entstehen all meine Schreibprojekte. Die einzige statische Konstante ist das jeweilige Ziel.

Genau auf diese Weise hat mein derzeitiges Projekt begonnen. Während ich jedoch an der Struktur gearbeitet habe, schien das finale Ziel bereits weniger stark im Vordergrund zu stehen als üblich. Anstatt mit aller verfügbarer Energie auf dieses Ziel „loszustürmen“, um es so schnell wie möglich zu erreichen, sind Ablenkungen willkommen – insbesondere, wenn sie eine Verbesserung versprechen.

Das bedeutet nicht, dass ich meine bisherigen Projekte als unfertig betrachte. Vielmehr habe ich bislang den ersten Entwurf als unfertig akzeptiert, um anschließend mehrere Wochen mit dem Feinschliff zu verbringen, eine Pause einzulegen und die Prozedur zu wiederholen. Ich gehe davon aus, dass auch dieses Projekt keine Ausnahme darstellt. Trotzdem fühle ich mich weniger getrieben, den Ankerplatz zu erreichen. Stattdessen erlebe ich die Reise als wichtigen Teil des Prozesses. In diesem Fall ist das besonders wichtig, denn einige Stellen sind emotional fordernd, weil ich sie mit den Charakteren durchlebe.

Diese Herausforderung macht einige der Pausen, die ich mir seit dem Start gewähre, so unschätzbar wichtig. Ich nutze die Phasen also, um plötzlichen Eingebungen nachzugehen, und Informationen zu sammeln. Gelegentlich scheinen sie sich geradezu aufzudrängen, wenn ein Artikel, ein Kommentar oder ein Video in meinen Nachrichten-Feed gespült wird.

Es ist eine neue und besondere Erfahrung für mich. Immerhin halte ich mich nur bedingt für einen geduldigen Menschen. Meist übe ich mich in dieser Tugend, wenn meine Möglichkeiten, etwas zu beschleunigen, ohnehin begrenzt sind. Im Nachhinein stellt sich häufig jedoch heraus, wie gut mir die Verschnaufpause getan hat, um mich selbst und andere Dinge zu sortieren. Verzögerungen sind also nicht immer negativ zu bewerten. Sie haben bisweilen etwas Heilsames an sich, von dem wir nicht wussten, wie dringend wir es nötig hatten.

Deshalb hat sich der Satz „Der Weg ist das Ziel.“ noch nie so passend und derart richtig angefühlt wie bei diesem Projekt und in diesem Winter. Die Kälte und das Erstarren im Außen sind das perfekte Symbol für mein Erleben. Beides lädt geradezu ein, nachzudenken und schrittweise voranzugehen, ohne die übertriebene oder – in meinem Fall – getriebene Eile.


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