Deuterium

Deuterium

Die Bar ist voll, als Tom sie betritt. Nicht einmal am Tresen ist noch Platz. Während er sich seinen Weg durch die verschiedenen Gruppen bahnt, die nicht nur an den Tischen sitzen sondern auch überall herumstehen, nimmt kaum jemand Notiz von ihm.

Hierher kommen allerdings auch nicht nur die Leute aus seiner Anlage, deren Vorarbeiter er ist. Eigentlich ist es nur eine üble Spelunke und für gewöhnlich mied er solche Orte. Im Gegensatz zu den meisten seiner Arbeiter, verspürte er nur selten den Wunsch seinem tristen Leben durch Alkohol oder durch den Anblick einer leicht bekleideten Sängerin oder Tänzerin zu entfliehen.

„Nein, dass hier ist nur eine Illusion, noch dazu eine sehr schlechte. Es hat absolut nichts gemein mit den Bars und Restaurants auf der Erde, die sie uns immer wieder in ihren glamourösen Filmen und Shows präsentieren“, denkt er.

Nicht das er je auf der Erde gewesen war. Er war, wie die Meisten hier, auf dem Titan geboren, in einem der unterirdisch angelegten Komplexe. Das galt auch für die meisten anderen hier und nicht nur für seine Eltern, sondern wohl auch für ihre.

Manchmal überlegte er, wie es wohl sein musste, auf der Erde. Dort konnte man einfach an der Oberfläche spazieren gehen, ohne Anzug und dabei frische Luft atmen. Vielleicht hatte der Administrator recht gehabt und er sollte aufhören diese Bücher zu lesen. Vielleicht vernebelten sie ihm den Verstand. Ja, vielleicht würde es ihn sogar eines Tages seinen Job kosten, weil er seinen Score dadurch zu weit abgesenkt hatte und in eine niedrigere Kategorie abfiel, so wie die Arbeiter hier, die ihr Geld permanent mit dubiosen Vergnügungen verschwendeten und dadurch wohl so weit unten angesiedelt waren, dass es für sie tatsächlich keine Hoffnung mehr gab. Dann würde er vielleicht genau das Gleiche tun wie sie.

Aber noch ist es nicht so weit. Tatsächlich war es ihm inzwischen gelungen sich bis an die Theke heranzuarbeiten, wo er eine kleine Gruppe seiner Arbeiter ausgemacht hatte, Leute aus der Deuterium-Anlage. Unter all den anderen heben sie sich noch ein wenig ab, jedenfalls für ihn, wirken fast schon zivilisiert, im Vergleich mit denen aus den Methan-Förderanlagen, die aber von den Minenarbeitern noch „übertroffen“ werden. Man kann sie auch gut auseinanderhalten, denn oft sind sie bereits seit drei Generationen im selben Beruf tätig. Nun ja, jedenfalls erzählt man sich das.

Die Wahrheit jedoch ist, dass wohl kaum einer hier seine Eltern kennt. Es ist nur das, was man ihnen erzählt hatte, als sie noch klein waren. Vielleicht hatten sie auch deshalb diesen Weg eingeschlagen, um ihren Vorfahren irgendwie nahe zu sein. Und anscheinend haben sie nicht nur den Beruf mit ihren Vorfahren gemein, sondern die Körpergröße schien auch vererbt worden zu sein, in den Minen sicher ein Vorteil.

Gerade eben waren seine Kollegen noch in ein intensives Gespräch vertieft. Der Lärmpegel der Umgebung hatte ihre scheinbaren Geheimnisse allerdings verschluckt und so kann Tom nur ahnen worüber sie gesprochen haben, denn sobald sie seine Anwesenheit bemerken, verstummen sie.

„Tom“, sagt einer der Arbeiter knapp.

„Patrick.“

„Was verschlägt dich hierher?“

„Ja, wir dachten du seist dir zu fein für so einen Schuppen“, ergänzt Frank.

Patrick und die anderen werfen ihm einen kurzen warnenden Blick zu, doch das scheint ihn nicht zu kümmern. Vielleicht hat er einfach schon zu viel getrunken oder aber sein Score ist niedrig genug, um jedweder Hoffnung beraubt zu sein. Als sein Vorgesetzter könnte ich das natürlich melden, aber was hätte ich schon davon. Die einzige Konsequenz wäre unserer Arbeit Schaden zuzufügen und das wo es doch die meiste Zeit recht ordentlich läuft. „Nein, Frank muss mich nicht mögen, aber wir alle sind dennoch ein gutes Team“, denkt Tom. Und genau deswegen bin ich doch auch hier, damit es so bleibt.

„Ich bin nicht hier um zu streiten“, sagt er schließlich. „Im Gegenteil, die Sache mit Mike und Garry geht mir nicht aus dem Kopf. Wir sind doch ein gutes Team. Jedenfalls dachte ich das und die beiden verschwinden auf einmal, nachdem sie angeblich einen Streit angezettelt haben. Wisst ihr vielleicht irgendetwas darüber? Vielleicht mit wem sie Streit hatten? Worum es dabei ging?“

„Wenn es das erste Mal wäre, dass so etwas passiert, dann hätte ich wohl nur mit den Schultern gezuckt und die Sache auf sich beruhen lassen, aber so etwas geschieht inzwischen alle paar Wochen und so langsam bin ich genervt davon andauernd neue Leute anlernen zu müssen. Es ist fast so als wäre das inzwischen meine Hauptaufgabe“, denkt sich Tom. Natürlich ist auch ihm klar, dass das nicht stimmt, aber ein wenig genervt ist er inzwischen dennoch. Die fast schon unerträgliche Hitze und der Lärmpegel in der Bar tun ihr Übriges.

Der Administrator, von der Erde natürlich, hatte nur gesagt, er solle sich nicht weiter darum kümmern. Dann hatte er mit ihm noch über Bücher gesprochen und das es doch gute und schlechte Lektüre gäbe, manche Bücher nicht nur dazu geeignet wären, einem den Verstand zu vernebeln, sondern auch den Score zu beeinflussen. Erst hatte Tom nicht verstanden worum es ging und wieso der Administrator mit ihm darüber gesprochen hatte. Er war sogar ein wenig überrascht, wie interessiert er sich daran zeigte.

Keiner der Administratoren vor ihm hatte sich je großartig dafür interessiert oder für sonst irgendwas und wenn doch, dann hatten sie es gut verborgen. Vielleicht will dieser länger als drei Jahre bleiben. Eigentlich hatte das bisher noch keiner vor ihm getan, soweit er wusste, und er war schon fast 20 Jahre dabei. Alle hatten nur ihren Drei-Jahres-Vertrag mit der Initiative erfüllt und waren dann zur Erde zurückgekehrt. Dieser neue Administrator ist vielleicht etwas ambitionierter. Doch das was Tom wirklich Sorgen macht, ist das Ausmaß der Informationen auf die er Zugriff hat.

Misstrauisch schauen Patrick und die anderen ihn an.

„Was soll das? Seit wann interessiert es dich, was aus uns wird?“, fragt Frank gereizt.

„Lass gut sein Frank“, sagt Patrick beschwichtigend. „Hör zu! Nichts für ungut, aber in einem Punkt hat er recht, wenn bisher jemand verschwunden ist, wurde er einfach ersetzt und du hast nie auch nur eine Frage gestellt. Was ist dieses Mal anders?“

„Schon gut, ich schätze es war ein Fehler hierher zu kommen. Vermutlich wisst ihr sowieso nichts“, entgegnet er und wendet sich zum Gehen.

Dann wird das Licht gedimmt. Ein heller Lichtstrahl fällt in eine der Ecken, die bisher im Dunkeln lag und alle verstummen, als hätte es ein geheimes Kommando gegeben.

„Das solltest du dir noch ansehen“, meint Patrick grinsend und deutet in die Ecke.

Vor Tom stehen nur einige Minenarbeiter, die er um fast einen Kopf überragt. Er hat einen guten Blick auf das Geschehen in der Ecke und ihm wird klar, dass es sich um eine Bühne handelt. Musik setzt ein und eine Frau betritt die Bühne. „Vermutlich ist sie der Grund wieso sie alle hierher kommen“, denkt Tom. Ihre Bewegungen sind ruhig, fast schon langsam und anmutig. Sie scheint eine gewisse Erhabenheit auszustrahlen, aber irgendetwas stört die Perfektion, ohne das Tom genau sagen könnte was es ist.

Dann beginnt die Frau zu singen und für einen Moment vergisst er, wieso er hierher gekommen ist. Ihm wird klar, wieso die Männer immer wieder in diese Bruchbude zurückkehren. Einer der Arbeiter scheint so betört zu sein, dass er direkt in das, die Bühne umschließende, Kraftfeld rennt. Er geht sofort ohnmächtig zu Boden und wird von zwei Sicherheitsbeamten hinausgetragen.

Geistesgegenwärtig gelingt es Tom, sich von der fast schon hypnotisierenden Darbietung zu lösen und er läuft den Sicherheitsleuten hinterher.

Unsanft lassen sie den Mann auf eine Trage fallen und einer der beiden beschwert sich lauthals.

„Wie kann so ein Zwerg, so unverschämt viel wiegen?“

„Sicher nur schwere Knochen“, witzelt der andere.

Anschließend tippt er auf seinem Armband herum.

„Wir haben hier wieder einen, der sich nicht beherrschen konnte. Könnt ihr den abholen?“

Eine Stimme ertönt aus dem Armband, doch Tom kann das Gesprochene nicht verstehen.

Dann zückt einer der Männer eine Art Fernbedienung und die Trage scheint sich wie von selbst in die Luft zu heben und in Bewegung zu setzen, gefolgt von den zwei Männern.

„Wenigstens müssen wir ihn nicht bis zum Sammelpunkt tragen“, sagt der erste Mann wieder.

So gut es geht versucht Tom den beiden zu folgen, doch in ihren schicken Anzügen sind sie deutlich schneller als er. „Erdschnösel“, denkt er sich. „Hätten wir solche in der Fabrik, gäbe es nicht nur so gut wie keine Unfälle, wir könnten auch viel effizienter arbeiten.“

Dann erreichen die beiden eine Luftschleuse. Beim Betreten aktivieren sie ihre Helme und etwas wie ein Kraftfeld um die Trage. Durch ein kleines Fenster kann Tom einen Blick nach draußen erhaschen. Ein Shuttle steht dort bereit, flankiert von mehreren Polizisten. Als sich die hintere Luke öffnet, kann Tom einen Blick in das Innere erhaschen. Im Frachtraum befinden sich anscheinend weitere Tragen, wie viele bleibt ungewiss.

„Polizei“, denkt er und runzelt die Stirn. „Was haben die wohl hier verloren? Immerhin ist ja nicht wirklich etwas passiert.“

Dann übergeben die beiden die Fernbedienung für die Trage an einen der Polizisten und machen sich wieder auf dem Weg ins Innere. Schnell zieht Tom seinen Kopf ein. „Wenn dort draußen schon Polizei ist, dann sollte ich mich besser nicht hier blicken lassen. Vermutlich kostet mich das mehr Punkte, als jedes Buch auf das ich in der Bibliothek zugreifen kann.“

Was auch immer das bedeutet, es kann nichts Gutes sein. Obwohl er neugierig ist, was wohl mit dem Mann geschehen würde, muss Tom einsehen, dass es hier ohnehin kein Weiterkommen gibt. Etwas gedankenverloren macht er sich auf den Rückweg zur Bar. So könnte er wenigstens so tun, als wäre er mehr an ein wenig Spaß interessiert, falls jemand ihn über die Kameras beobachtet.

Wieder dort angekommen, hat sich die Bar inzwischen zur Hälfte geleert. Von seinen Kollegen ist nichts mehr zu sehen, aber die Tische sind noch immer alle besetzt. In der Ecke, wo vorhin die Frau auf der Bühne gesungen hat, ist es wieder dunkel.

Während Tom sich auf einen der wenigen freien Plätze an der Theke setzt, denkt er wieder an den Mann auf der Trage. Was für ein armer Trottel. Natürlich war die Bühne geschützt, damit keiner der Arbeiter auf dumme Ideen kam. Im ganzen Block gab es normalerweise keine Frauen. Manchmal gehörten einige zu den Inspektionsteams, wenn die Produktionsinitiative eine Überprüfung durchführte. Für gewöhnlich folgten dann einige „Neubesetzungen“ in der Belegschaft. Auf die Idee die Anlagen zu modernisieren oder neues Equipment, wie neue Anzüge für die Arbeiter zur Verfügung zu stellen, kam allerdings noch niemand. Dabei war die schlechte Ausrüstung auch ein Grund, wieso er immer wieder neue Leute anlernen musste und in der Deuterium-Anlage gab es noch vergleichsweise wenige Unfälle. Kein Wunder also, dass die Inspektoren immer von schwer bewaffneten Polizisten begleitet wurden, die allesamt von der Erde kamen. Vor etwa zwei Generationen hatte es einmal einen Arbeiteraufstand gegeben und einige der Polizisten, die ebenfalls auf dem Titan geboren waren, hatten sich auf die Seite der Arbeiter geschlagen. Seitdem war kein einziger „Titan“ mehr für den Polizeidienst zugelassen worden.

„Titan“, geht es Tom durch den Kopf, „so nennen sie uns und meinen damit nichts Gutes.“ Als er es zum ersten Mal gehört hatte, dachte er sich nichts dabei, aber nach und nach war ihm klar geworden, wie es von allen im System als Schimpfwort gebraucht wurde. Sogar die Menschen vom Mars wussten das. Es war die ultimative Verhöhnung.

Die Sache mit der Frau ging ihm nicht aus dem Kopf. In einem Inspektionsteam waren Frauen relativ sicher aufgehoben, mit all den Polizisten, aber hier in einer Bar und irgendwo musste sie auch wohnen, einkaufen und das alles. Etwas an der Sache störte ihn von Anfang an, doch er wusste nicht was.

In letzter Zeit hatte Tom sich immer öfter gefragt, wo all die Arbeiter herkamen, wenn es in den Produktionsblocks keine Frauen gibt. Ihm war auch niemand bekannt, der verheiratet ist oder es je war, abgesehen von einigen Administratoren, die Fotos von ihrer Familie auf ihren Schreibtischen stehen hatten. Vielleicht konnten sie nach ihrer Zeit auf dem Titan zu ihrer Familie zurückkehren. Würde er es je schaffen, eine Familie zu gründen?

„Sentimentaler Quatsch“, schießt es ihm durch den Kopf. „Ich bin hier, um etwas über die Arbeiter herauszufinden, die andauernd verschwinden.“

Der Barkeeper unterbricht seinen Gedankengang.

„Was darf es denn sein?“

Tom hatte noch nicht einmal darüber nachgedacht.

„Danke, ich brauche nichts.“

„Wirklich? Was machst du dann an meinem Tresen? Die Leute kommen zum Trinken her. Entweder du bestellst etwas oder du machst Platz für zahlende Gäste.“

„In Ordnung, ist ja schon gut. Ein Wasser.“

„Wasser? Bist du irre. Wenn du Wasser willst geh zurück in die Deuterium-Anlage.“

Nun da Tom darüber nachdenkt, könnte er vielleicht wirklich einen Drink vertragen, der etwas stärker als Wasser ist.

„Also gut, gib mir was Starkes“, erwidert Tom.

„Das gibt sicher Punktabzug“, denkt er im gleichen Moment. „Aber immer noch weniger, als dabei erwischt zu werden, die Polizei zu bespitzeln.“

„Marsianischer Whisky“, sagt der Barkeeper grinsend, als er das Glas vor Tom abstellt.

„Marsianisch?“

„Ja, der wird dich sicher umhauen“, ergänzt er mit einem noch breiteren Grinsen. „Außerdem kann sich sowieso keiner der hierher kommt den von der Erde leisten.“

Der Whisky verströmt einen beißenden Geruch. Tom ist sich sicher, dass der Barkeeper mit seiner Prognose recht behält. Immerhin beschränkte er sich sonst auf Wasser. „Wahrscheinlich taugt das Zeug am ehesten als Putzmittel und niemand sollte das trinken“, denkt er. Doch dann nimmt er das Glas in die Hand und stürzt den Inhalt auf einmal hinunter.

Während sich der Schnaps den Weg zum Magen scheinbar durchbrennt, steigen ihm Tränen in die Augen. Als würde der Mann hinter der Bar auf eine Reaktion warten, steht er noch an derselben Stelle wie vorher und grinst auch genauso dümmlich.

Doch alles was er von sich gibt, ist ein anerkennendes Nicken und ein Wort: „Respekt.“

Ungefragt stellt er ihm jetzt doch ein Glas Wasser hin.

„Danke“, entgegnet Tom mit kratziger Stimme und nimmt einen Schluck.

Nachdem sich der Mann um einige andere Gäste gekümmert hat kehrt er zu Tom zurück und fragt, „Noch einen?“

„Danke, ich denke der eine reicht fürs Erste, aber du kannst mir eines dieser Biere geben.“

Wortlos stellt er es vor Tom ab. Im Grunde hatte er es nur bestellt, um das Gespräch am Laufen zu halten. Nachdem er den Whisky hinunter geschüttet hatte, schien der Mann nämlich deutlich aufgeschlossener. Tom denkt an Mike und Garry. Sie waren sicher auch oft hier, aber als er den Mund öffnet, ist es eine andere Frage, die er stellt.

„Die Sängerin, wer ist sie?“

„Ah, du hast die Show gesehen.“

Eigentlich hatte er das nicht, aber er musste es ihm ja nicht auf die Nase binden.

„Die war wirklich gut heute“, sagt der Barkeeper wieder grinsend. Doch dieses Mal schwingt noch etwas anderes mit, von dem Tom nicht sagen kann was es ist. Dennoch antwortet er.

„Ja, tolle Show. Also, wer ist sie und woher kommt sie? Soweit ich weiß, gibt es im ganzen Block keine Frauen.“

„Das stimmt. Wir haben aber auch nie behauptet, dass sie von hier ist. Du solltest sie dir wirklich aus dem Kopf schlagen oder hast du verpasst, was mit dem Trottel passiert ist, der versucht hat auf die Bühne zu klettern.“

Nein, sicher nicht. Tom hatte mehr gesehen, als ihm lieb sein konnte. Deswegen war er überhaupt zurückgekommen. Eigentlich war er gar nicht an der Frau interessiert, aber solange der Mann das dachte schöpfte er keinen Verdacht, denn wahrscheinlich hört er sich solche Fragen jeden Abend mehrmals an.

„Schon gut, ich hab es verstanden. Allerdings hätte ich noch eine andere Frage.“

„.. und die wäre?“

Tom fummelt etwas umständlich an seinem Armband herum, bis auf dem Display das Gesicht von Garry, aus seiner Akte erscheint.

„Kennst du den?“

Der Barkeeper runzelt die Stirn.

„Was ist mit ihm?“

Tom zeigt ihm das Bild von Mike.

„Ja der kommt öfter mit einem Typ namens Frank. Mehr weiß ich nicht.“

„Bist du sicher? Hatte er irgendwann einmal Streit mit jemandem?“

„Jetzt da du fragst … Letztens hatte er wohl einen Drink zu viel und ist dann mit ein paar anderen aneinander geraten. Die Security musste schlichten. Hat er wieder Ärger gemacht.“

„Nein, alles in Ordnung“, sagt Tom etwas zu schnell.

Doch ihm ist klar, dass die beiden vielleicht das gleiche Schicksal, wie den Bühnenkletterer ereilt hat. Was auch immer das bedeutet.

„Du solltest austrinken“, sagt der Mann hinter der Theke. „Gleich ist Sperrstunde“, ergänzt er.


Am nächsten morgen wartet Tom auf den Zug, der die Arbeiter zur Anlage bringt. Ausgeschlafen fühlt er sich heute nicht. „Das war eindeutig zu lange gestern“, denkt er sich. Dann ist der Zug da und er steigt ein. Nicht weit vom Eingang entfernt, steht Patrick, der ihm zunickt.

„Wo ist Frank?“

Patrick deutet mit dem Kopf in Richtung einer der Bänke. Dort sitzt Frank, den Kopf an die Wand gelehnt, mit geschlossenen Augen. „Ob ich ihn noch einmal nach Mike fragen soll“, überlegt Tom. Besser nicht, denn er hatte ja gestern schon nichts gesagt. Wieso sollte es jetzt anders sein? Doch vergessen würde Tom es sicher nicht. Vielleicht hatte er sogar etwas mit dem Verschwinden von Mike zu tun.

In der Deuterium-Anlage wartet auch schon der Administrator auf ihn.

„Mister Crane“, sagt er mit einem aufgesetzten Lächeln. „Da sind sie ja endlich. Wir müssen uns unterhalten.“

In seinem modernen Anzug sieht er recht albern aus, aber Tom hatte mehr als einmal gesehen, was dieser zu leisten imstande ist. Ohne den Druckausgleich, den der Anzug für ihn erledigt, würde ihm wohl das Lächeln einfrieren und sein gönnerhafter Tonfall im Hals stecken bleiben. Für die Arbeiter gab es solche Anzüge freilich nicht, aber es hatte auch nur etwa fünf Generationen gebraucht bis sie und ihre Nachkommen sich an den hohen Druck des Titan besser angepasst hatten. Einige Male hatte Tom schon überlegt, ob er und die anderen überhaupt noch Menschen waren. Die physische Anpassung an einige Gegebenheiten war jedenfalls schon deutlich sichtbar geworden und sie war auch der Grund für den Hohn, der sich im ganzen Sonnensystem über sie ausgoss. Sie waren der Grund dafür, dass „Titan“ mehr eine Beleidigung, als eine Beschreibung war.

Natürlich waren sie nicht die einzigen, denen es so ergangen war. Den Menschen auf Ganymed und anderen Monden, die um die Riesen kreisten, war es nicht anders ergangen. Doch die Kombination des Namens ihrer Heimat und der, sich scheinbar umkehrenden, Größe ihrer Bewohner hatte für einige Belustigung auf der Erde gesorgt und wenn immer heute jemand einen als „Titan“ bezeichnete, dann war es ein Ausdruck für jemanden der klein und kräftig war und zudem meist einer Unterschicht angehörte.

„Sie wirken abwesend, Mr. Crane?“, bemerkte der Administrator.

„Verzeihung, Administrator.“

„Also, was ich ihnen jetzt mitzuteilen habe wird sie sicher nicht erfreuen, aber die Produktionsinitiative Saturn ist mit unserer Performance unzufrieden. Sie sind der Ansicht, es gäbe noch Luft nach oben. Das Deuterium wird nicht nur für die Orbitalwerft benötigt, sondern auch für die Stationen, besonders für die auf denen sich Touristen von der Erde entspannen und erholen möchten.“

Insgeheim fragt sich Tom, wer sich in einer Konservendose, die in der Kälte des Weltraums um einen Gasriesen ihre Bahnen zieht, entspannen kann und ob so ein Mensch nicht vielleicht ganz andere Probleme hat, aber er behält es für sich. Andererseits ist er nicht viel besser dran und genauso ergeht es den Arbeitern hier. Obwohl sie besser an den Druck angepasst sind, erlebt kaum einer einen Geburtstag jenseits der 50. Das ist auch einer der Gründe, wieso er sich von Bars und üblicherweise auch von Alkohol fernhält. Doch was würde ihm das am Ende wohl nutzen. Nur ein paar Jahre mehr, in denen er hier als Vorarbeiter schuften könnte und das zu immer schwieriger werdenden Bedingungen.

„Mister Crane, haben sie mir überhaupt zugehört? Wird es ein Problem geben, wenn wir die Produktion um 10 % steigern?“

„Ja“, antwortet Tom knapp.

„Ja, was?“

„Ich habe ihnen zugehört und es könnte eventuell schwierig werden, die Kapazität weiter zu erhöhen“, versucht er es so vorsichtig, wie es ihm gerade noch möglich scheint.

„Wirklich? Sie wollen mich also nicht unterstützen? Und ich dachte, sie möchten einmal auf diesem Stuhl Platznehmen.“

Während des letzten Satzes war er aufgestanden, um den Schreibtisch herum gegangen, neben Tom getreten und zeigte jetzt auf seinen leeren Stuhl.

Tom hätte am liebsten gelacht. Noch nie hatte ein Titangeborener auf diesem Stuhl gesessen. Jedenfalls glaubte er das. Viel wahrscheinlicher ist es, dass der Administrator ihn zu ködern versucht.

„Administrator“, beginnt er schließlich, so ruhig es ihm möglich ist. „Sie haben doch gerade erst hier angefangen, also wird es auch noch eine Weile ihr Stuhl bleiben. Darüber hinaus ist unsere Ausrüstung einfach zu veraltet, um noch mehr Wasser durch die Anlage zu leiten und Deuterium zu erzeugen. Dazu kommt noch der enorme Druck, der die Anlage schnell verschleißen lässt … Eine Erhöhung der Produktion wird zu mehr Unfällen führen und vielleicht in das Gegenteil umschlagen. Ich verliere jetzt schon andauernd Arbeiter aus Gründen, die nicht geklärt sind. Wenn jetzt noch Unfälle hinzukommen …“

„Ah, darum geht es hier also. Deshalb die Abwesenheit. Es geht um ihre Leute. Sie sollten sich wirklich nicht den Kopf über solche Dinge zerbrechen. Sorgen wir nicht immer für einen Nachschub an Leuten.“

„… die ich anlernen muss.“

Der Administrator zieht eine Augenbraue hoch, als wäre er über den Widerspruch überrascht, doch er sagt nichts und lässt sich wieder auf seinem Stuhl nieder.

„Sehen sie, Mr. Crane, ich weiß es ist schwer und vielleicht klingt das etwas grausam, aber wir haben nicht die Mittel für neue Ausrüstung. Wenn es allerdings einen Unfall gibt, kommt die Versicherung für die Schäden auf, dann wäre vielleicht etwas zu machen.“

„Ich dachte bei einem Unfall mehr an die Arbeiter die zu Schaden kommen.“

„Ja, sicher. … Damit sie sehen, dass ich durchaus Verständnis für ihr Problem habe, werden wir den Zyklus für die Untersuchung der Arbeiter halbieren, ebenso für alle nötigen Injektionen, die ihrem Schutz und dem Erhalt ihrer Arbeitskraft dienen. Mehr kann ich erst einmal nicht tun.“

„Gibt es sonst noch etwas?“, möchte Tom wissen.

„Nein, für den Moment ist das alles. Nach der Mittagspause können sie und ihr Team sich auf der Krankenstation einfinden. Nacheinander, versteht sich, die Produktion …“

Tom nickt nur. Dann steht er auf und geht langsam zur Tür. Zu schnell den Raum zu verlassen, könnte der Administrator falsch interpretieren. Obwohl, war es so falsch? Eigentlich wusste Tom nicht so genau, was er fühlte. Im Grunde genommen hatte er nie sehr intensive Gefühle gehabt, aber seit einigen Tagen war etwas anders. Dazu gehörte auch die plötzliche Neugier über die verschwundenen Arbeiter, ein seltsames Gefühl.

Als er die Tür öffnet ruft ihm der Administrator hinterher, „Und vergessen sie nicht, 10 %, Mr. Crane.“

Nur wenige Minuten später verkündet Tom den anderen die Erhöhung der Produktionsmenge. Frank flucht, etwas das er noch nie getan hatte oder hatte Tom es nur nie bemerkt. Eigentlich fluchte hier niemand und sicher würde sich das negativ auswirken, wenn der Administrator davon wüsste. Entsetzt starrt er Frank an, der sich im selben Moment offenbar bewusst wird, was er gerade getan hat. Jetzt baut er sich zu seiner vollen Größe von fast 1,50 m auf, mit denen er Tom tatsächlich überragt, und geht einen Schritt auf ihn zu. Dann ist sein Gesicht nur wenige Zentimeter von Toms entfernt und er spricht mit einem Flüsterton, so das nur Tom ihn verstehen kann.

„Du kannst es ja dem Administrator sagen. Dann machen sie mit mir vielleicht das Gleiche wie mit Mike und deine 10 % mehr kannst du vergessen.“

Tom ist sich nicht sicher, ob er das richtig verstanden hatte, doch im Moment würde es wohl kaum helfen mit Frank darüber zu reden. Er würde einen anderen Weg finden müssen.

Die nächste Überraschung erwartet Tom am Nachmittag, als er sich auf der medizinischen Station einfindet. Die Station scheint zunächst unbesetzt, aber innen am Eingang stehen zwei schwer bewaffnete Polizisten. Ihre Gesichter sind durch das heruntergeklappte Visier nicht zu erkennen.

„Das ist neu“, denkt Tom. Dann kommt aus dem Nebenzimmer eine Frau, die ein Tablet in der Hand hält.

„Tomas Crane?“, fragt sie ohne davon aufzusehen.

Tom ist verblüfft und steht mit offenem Mund da. Eine Ärztin hatte es hier unten noch nie gegeben.

„Sind sie stumm“, fragt sie und sieht für einen Augenblick zu ihm auf oder besser gesagt hinunter.

Sie ist ebenfalls von der Erde, daran kann es keinen Zweifel geben. „Vielleicht auch vom Mars“, denkt er kurz.

„Sie sind doch Tomas Crane?“, fragt sie etwas irritiert.

Langsam gewinnt er seine Fassung zurück. „Ja, bin ich. Verzeihung … Ich … bin …“, stottert er.

„Nicht stumm, wie ich höre“, sagt sie geschäftsmäßig.

„Haben sie eine Wette verloren oder wurden sie strafversetzt“, versucht Tom einen Witz zu machen, um seine Verlegenheit zu verbergen.

„Wirklich?“, fragt sie und zieht eine Augenbraue hinter ihrer Brille nach oben. „Wie originell.“

„Wirklich?“, fragt Tom jetzt.

„Nein. Ich mache nur Konversation“, entgegnet sie.

Erst jetzt fällt Tom auf, dass die Frau einen anderen Anzug trägt, als der Administrator. Wenn sie ein Mensch ist, müsste sie genauso druckempfindlich sein wie er und in dem Moment wird ihm auch klar, dass genau das ihn an der Sängerin in der Bar gestört hatte. Sie trug gar keinen Anzug und sah wie eine normale Frau von der Erde aus. Hatte das bisher niemand bemerkt? Vermutlich hatten die Arbeiter in der Bar sich auf andere Dinge konzentriert.

„Der Anzug?“, traute er sich schließlich zu fragen.

„Was ist damit?“

„Er ist anders als der des Administrators.“

„Und?“

„Der Druck hier unten … Ich meine sie scheinen von der Erde zu sein.“

„Bitte kommen sie auf den Punkt.“

„Nun ja, die meisten Menschen von der Erde brauchen eher so einen Druckanzug“, erklärt er auf die Polizisten deutend.

„Gut beobachtet“, entgegnet sie nun mit dem Anflug eines Lächelns. „Wir haben den Druckausgleich auf der Station angepasst, weil dieser Anzug nicht so effizient ist. Allerdings kann ich sonst nicht so gut arbeiten. Dafür bin ich dann aber auch nur einige Stunden hier unten und verbringe den Rest der Zeit auf der Orbitalstation, wo sich mein Quartier befindet.“

„Interessant. Ich hätte noch eine Frage …“

„Nur zu, sie sind der Erste heute, der mich wie eine Ärztin behandelt und nicht ununterbrochen ins stottern gerät, als hätte er noch nie mit einer Frau gesprochen.“

„Zu ihrer Verteidigung, viele haben das vielleicht auch nicht oder es ist so lange her, dass sie sich nicht daran erinnern können.“

Jetzt sieht sie verlegen aus.

„Die Frage?“

„Ah ja, wäre es theoretisch möglich für jemanden von der Erde einige Minuten ohne Anzug auf der Oberfläche zu verbringen.“

Sie überlegt kurz.

„Vielleicht.“

Sie runzelt die Stirn.

„Aber zu oft sollte man das nicht ausprobieren. Ich sollte sie jetzt untersuchen.“

„Oh, natürlich, nur zu, fangen sie an.“

Nachdem Tom sich auf einen Tisch, unter einen Scanner gelegt hat, fängt die Ärztin an einige Tasten am Kontrollpult zu drücken und starrt auf die Anzeige.

„Es wäre also nicht möglich, häufiger ohne Anzug auf der Oberfläche herumzulaufen, für jemanden von der Erde, meine ich?“, fragt Tom erneut.

„Wieso diese ganzen Fragen?“

„Ich war gestern in dieser Bar und da war diese Sängerin …“

„… oh, bitte ersparen sie mir den Rest.“

„Nein, dass ist es nicht. Etwas kam mir merkwürdig vor. Sehen sie, diese Sängerin steht auf einer Bühne, von einem Kraftfeld umgeben, zu ihrem Schutz, aber sie trägt gar keinen Anzug für den Druckausgleich.“

„Interessant“, sagt sie.

„Finde ich auch.“

„Das meine ich nicht. Ich würde gerne noch andere Tests mit ihnen machen. Können sie morgen noch einmal wiederkommen?“

„Ist es etwas Schlimmes?“, fragt Tom ein wenig besorgt.

„Ich glaube nicht, aber ich würde gerne noch andere Test machen, die allerdings länger dauern und gleich kommt der nächste Patient zur Untersuchung. Warten sie … die Injektion.“

Tom hatte die Injektion, ob der Aufregung, fast vergessen. Noch ist er sich nicht sicher was es bedeutet, aber sicher bedeutet es etwas, dass die Sängerin keinen Anzug trägt.

„Ich bin übrigens Dr. Yates, Eve Yates“, sagt die Ärztin, bevor sie ihn entlässt.

Beim Verlassen des Raumes rennt Frank Tom auf dem Flur entgegen und ihn dabei fast über den Haufen.

„Du schon wieder“, knurrt er. „Als wärst du überall und würdest jetzt mir nachspionieren. Vielleicht haben sie mit mir das Gleiche vor wie mit Mike. Ehrlich gesagt, ich zähle sogar darauf, dann finde ich heraus, was sie mit ihm gemacht haben. Also los, lauf schon zum Administrator und erzähle ihm, dass ich mich unangemessen verhalten habe.“

„Im Ernst, du denkst ich habe etwas mit Mikes Verschwinden zu tun? Du erinnerst dich vielleicht, wie ich euch gestern in der Bar dazu befragt habe. Wieso sollte ich das wohl tun, wenn ich etwas damit zu tun hatte? So wie du dich aufführst, könnte man meinen, du warst daran auch nicht ganz unbeteiligt.“

Frank sieht Tom an, doch er sagt nichts. Dann öffnet sich die Tür und Dr. Yates steht vor den beiden. Mister Frank Randall? Sie sind spät dran. Bei Franks Anblick überlegt Tom, ob er wohl genauso ein dummes Gesicht gemacht hat, aber zum ersten Mal seit sie sich kennen scheint es Frank die Sprache verschlagen zu haben.


Während Frank am nächsten Morgen wie üblich mit geschlossenen Augen auf einer Bank an der Wand des Zuges lehnt, starrt Tom aus dem Fenster. Das kurze Stück des Weges, das sie oberirdisch zurücklegen gibt einen Blick auf die dichte Atmosphäre frei. Manchmal kann man mit etwas Glück einige Sterne sehen oder wenigstens einige der Orbitalstationen. „Auf welcher davon mag wohl Dr. Yates leben?“, fragt er sich. Heute ist durch die dichte Suppe der Atmosphäre allerdings nichts zu erkennen. Für die ersten Menschen, die einst hierher gekommen waren, musste das ein vertrauter Anblick gewesen sein, nachdem was einst auf der Erde geschehen war. Heute jedoch, lebten die Menschen verteilt im Sonnensystem und einige hatten schon den Weg über diese Grenze hinaus gewagt. Er hingegen hatte den Titan nie verlassen, wie im Grunde jeder den er kannte. Manchmal äußerte eine leise Stimme in seinem Kopf Zweifel an der Existenz anderer Orte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragt Patrick ihn schließlich. „Du wirkst heute noch abwesender und einsilbiger als sonst.“

„Alles Bestens. Ich genieße nur die Aussicht.“

„Welche Aussicht? Alles was ich sehe ist eine dicke Suppe.“

Dann sind sie angekommen und sogar Frank steht plötzlich, wie aus dem Nichts, hinter den beiden.

Während des Vormittags wirft Tom häufiger einen nervösen Blick auf die Anzeigen der Anlage, doch auch mit der Steigerung der Produktion scheint die Anlage stabil zu laufen. Tom ist sehr froh darüber, denn offenbar ist dem Administrator das Deuterium wichtiger als das Leben seiner Arbeiter. Wenn es einen von ihnen erwischte, dann würde er einfach ersetzt werden und niemand würde vermutlich je wieder von ihm hören.

Nach dem Ende seiner Schicht, macht sich Tom auf zur medizinischen Station. Dort erwartet ihn eine Überraschung. Dr. Yates sitzt hinter ihrem Schreibtisch und davor sitzen bereits Patrick und Frank, die ihn ebenso überrascht ansehen wie er die beiden.

„Was macht der denn hier?“, knurrt Frank misstrauisch.

Dr. Yates zeigt sich davon allerdings wenig beeindruckt.

„Setzen sie sich Mr. Crane. Ich habe sie alle hierher gebeten, um etwas mit ihnen zu besprechen. Ich verstehe auch nicht, wie meinen Vorgängern das entgehen konnte, denn ich bin sicher, die Verhältnisse sind schon seit längerem unverändert. Meine Entdeckung erklärt sicher auch, wieso die meisten Arbeiter auf Titan eine recht kurze Lebenserwartung haben.“

„Wirklich?“, fragt Frank und nicht nur Tom scheint den ungewöhnlich scharfen Tonfall zu bemerken. Das er ihm gegenüber oft unhöflich war, machte ihm nichts aus, aber bei der Ärztin?

„Ja, wirklich, Mr. Randall. Sehen sie, sie alle sind Menschen und ob sie es glauben oder nicht, ein sehr großer Teil ihrer DNA ist mit meiner identisch“, erklärt die Ärztin mit nicht minder scharfem Tonfall.

Dieser Gedanke schien Frank zu verwirren und ihm auch ein gewisses Unbehagen zu bereiten, wie Tom tatsächlich amüsiert feststellte. Bisher war ihm noch nicht ein einziges Mal aufgefallen, überhaupt über solche Emotionen zu verfügen.

„Das ist aber nicht, worüber wir hier sprechen wollen. Als vor einigen Generationen die ersten Siedler ihr erstes Bergbauprojekt auf dem Titan starteten, da sahen sie sich schnell mit den extremen Verhältnissen hier konfrontiert, weshalb sie die Anzüge entwickelten, die sie heute tragen, um einen Teil des atmosphärischen Drucks auszugleichen, der auch einem abgeschlossenen System wie so einer Anlage nicht vollständig durch Umweltkontrollen ausgeglichen werden kann. Deshalb lebten sie auf einer Orbitalstation, so wie es Touristen noch heute tun. Allerdings schädigte die andauernde Arbeit unter diesen Bedingungen ihre Gesundheit und verringerte so ihre Lebenserwartung. Bei der nächsten Generation fielen diese Schäden bereits deutlich geringer aus und bis heute hat sich die Anpassung weiter fortgesetzt. Inzwischen haben sich die Menschen, die auf dem Titan geboren sind aber nicht nur besser angepasst, sondern dementsprechend auch einen Teil ihrer DNA verändert. Dieser Teil sollte bei allen Arbeitern zumindest ähnlich sein. Und tatsächlich haben auch alle Arbeiter, die ich aus ihrem Team untersucht habe, einschließlich ihnen, ähnliche Veränderungen. Das Problem ist aber, dass auch alle Arbeiter offenbar an Mutationen leiden, die wahrscheinlich für die deutlich reduzierte Lebenserwartung verantwortlich sind. Das ist der Grund, wieso im Grunde niemand hier das Rentenalter erreicht.“

„Das bedeutet wir werden sterben?“, fragt Patrick, sichtlich erschüttert.

„Das ist neu“, denkt Tom. „Eigentlich war Patrick bisher immer sehr gefasst.“

„Nun, nicht unbedingt …“, erklärt die Ärztin. „Sehen sie, nun da ich das weiß, kann ich vielleicht mit dem Administrator darüber sprechen. Die jährlichen Injektionen bieten ja schon einigen Schutz vor verschiedenen Krankheiten. Vielleicht kann ich etwas ähnliches entwickeln, um den Mutationen entgegenzuwirken. Allerdings gibt es noch ein Problem … und zwar mit ihnen.“

Sie sieht die drei Männer an, die jetzt mehr wirken, als würden sie in der Schule sitzen und die Antwort auf eine Frage nicht wissen. Also fährt die Ärztin nach einer kurzen Pause fort.

„Sehen sie, bei ihnen gibt es noch weitere Anomalien deren Ursprung ich nicht erklären kann. Hilfreich wäre es, wenn sie alles aufschreiben könnten, woran sie sich aus ihrem Leben erinnern. Auch Kleinigkeiten könnten dabei von Bedeutung sein. Kleinigkeiten, die von unseren Systemen eventuell nicht erfasst werden können. Ich meine wir haben medizinische Daten und auch jede Menge Daten, die ihr Leben betreffen, aber irgendwoher müssen die Abweichungen ja kommen. Ich werde den Administrator auch bitten, ihnen dafür ein wenig mehr Zeit zur Verfügung zu stellen. Mit etwas Glück finden wir die Ursachen und können das Leben aller hier verbessern.“

In Toms Kopf überschlagen sich die Gedanken. Würde er bald sterben müssen oder könnte sie ihm vielleicht helfen? Andererseits fragte er sich, ob das was diese Dr. Yates von sich gibt, stimmen konnte. Er hatte schon mehrere Ärzte hier erlebt und keiner hatte je auch nur angedeutet, etwas wäre nicht in Ordnung. Vielleicht lag sie falsch. Was in Franks Kopf vorgeht, kann er nur erahnen, aber auch er scheint derzeit mit seinen Gedanken im Widerstreit. Patrick scheint noch immer fassungslos, ob der gerade erlebten Offenbarung.

Nach einer quälend langen Pause in der die Ärztin ihre Worte wirken lässt, fragt sie schließlich etwas ungeduldig, „Werden sie mir helfen?“

Wie aus einem Schlaf gerissen, sehen die Drei nun zu ihr hoch. Frank scheint als erster seine Fassung wiederzufinden.

„Warum soll ich mit so etwas meine Zeit verschwenden? Es wird die anderen wohl kaum zurückbringen und mir nicht helfen herauszufinden was mit Mike passiert ist.“

„Und wenn doch?“, fragt Dr. Yates.

„Wie das?“

„Das weiß ich noch nicht, aber wenn sie mir helfen, versuche ich ihnen zu helfen und herauszufinden was mit ihrem Freund geschehen ist.“

Wieder entsteht eine Pause.

Schließlich sagt Frank, „Abgemacht. Ich werde sie daran erinnern, Eve Yates.“

Dann steht er auf und geht bereits in Richtung der Tür, die heute unbewacht ist, denn die Polizisten wurden außen postiert. Offenbar wollte Dr. Yates nicht, dass sie von dem Gesagten etwas mitbekommen.

Dann ist es Patrick der aufsteht. Er scheint jetzt wieder ein wenig gefasst.

„Entweder sie haben sich vertan oder sie lügen“, sagt er als er zu ihr hochsieht. Dann dreht er sich um und wendet sich ebenfalls in Richtung Tür zum Gehen.

Tom sieht ihm etwas verdutzt hinterher bis ihn die Ärztin aus seinen Gedanken reißt.

Etwas unsicher fragt sie nun, „Was ist mit ihnen, Tomas?“

Als hätte er die Frage nicht richtig verstanden, dreht er sich zu ihr um. Sie hatte ihn bei seinem Vornamen genannt, nur bei seinem Vornamen.

Vielleicht war das der Grund wieso er schließlich sagte, „Ich werde sehen was ich tun kann.“


Eve Yates streift sich gerade den Anzug für den Druckausgleich über, als ihre zwei Dauerbegleiter sie abholen und zum Shuttle eskortieren. Seit sie hierher gekommen war fühlte sie sich ein wenig wie eine Gefangene. Sicher geschah das nur zu ihrem Schutz. Das wusste sie. Nicht alle der Arbeiter und schon gar nicht alle Arbeiter auf der Oberfläche waren so zivilisiert wie Tomas und Patrick und sogar der etwas mürrische Frank. Nein, als einzige Frau in der Deuterium-Anlage war das sicher eine kluge Vorsichtsmaßnahme. Trotzdem fühlte sie sich dabei unbehaglich. Gerne würde sie selbst wenigstens das Shuttle fliegen. Flugstunden hatte sie genug, aber die Polizisten bestanden darauf am Steuer zu sitzen.

Als sie dann schließlich auf der medizinischen Station angekommen ist, wartet bereits eine Nachricht des Administrators auf sie, der sie dringend sehen möchte. Sie überlegt was er wohl von ihr wollen könnte, während sie sich stirnrunzelnd auf den Weg macht.

Den Alarm an der Tür muss sie zweimal betätigen bevor die Tür sich öffnet und der Administrator vor ihr steht. Bei ihrem ersten Treffen war er noch sehr freundlich gewesen und auch danach immer zuvorkommend. Jetzt wirkte sein Gesichtsausdruck kühl, fast schon verärgert.

„Dr.“, sagt er knapp, „treten sie ein.“

Er vergewissert sich kurz, niemand anderes im Flur zu sehen, bevor er den zwei Polizisten die Anweisung gibt, niemanden durchzulassen und die Tür sich hinter ihm schließt.

„Nehmen Sie Platz, Eve. Ich darf doch Eve sagen?“

„Eigentlich …“, setzt sie an. Doch sofort unterbricht er sie, noch während er um den Schreibtisch herum geht.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass sie einige Tests an den Arbeitern vorgenommen haben, ihre DNA analysieren, Fragen stellen.“

„Ja?“, erwidert sie. „Ist das ein Problem?“

„Das kommt darauf an …“

„Worauf?“

„Was sie damit erreichen wollen“, entgegnet der Administrator.

„Nun, sagt sie mit hochgezogener Augenbraue, ich möchte die Lebensqualität der Arbeiter und ihre Lebenserwartung verbessern. Das ist einer der Gründe aus dem ich diese Arbeit machen wollte. Ich finde es spannend, wie schnell sich die Arbeiter angepasst haben, aber bedenklich wie sich das auf sie auswirkt, weil ihre Lebenserwartung nun deutlich niedriger als die vieler anderer im Sonnensystem ist.“

„Ich verstehe …“, sagt der Administrator und macht eine Pause. „Das ist sehr lobenswert, aber sehen sie, den Arbeitern geht es gut, meistens jedenfalls. Ich habe zugelassen diesen Posten mit ihnen zu besetzen, weil meine Vorgesetzten insistiert haben. Wenn ich allerdings berichten muss, wie sie die betrieblichen Abläufe stören, wird die Produktionsinitiative vielleicht zu dem Schluss kommen, es wäre ein Fehler gewesen.“

„Das verstehe ich nicht. Möchten sie denn nicht die Lebenserwartung ihrer Arbeiter erhöhen?“

„Nun das hängt davon ab“, sagt er und lehnt sich in seinem Sessel am Schreibtisch zurück, während er die Hände faltet.

„Wovon hängt es ab?“

„Inwieweit das die Produktion beeinflusst. Sehen sie, hier wird teilweise sehr schwere körperliche Arbeit geleistet und die meisten Arbeiter erreichen irgendwann ihren Zenit der Leistungsfähigkeit und anschließend nimmt sie wieder ab. Dieser Höhepunkt liegt irgendwann zwischen ihrem dreißigsten und vierzigsten Lebensjahr, bei den meisten Arbeitern jedenfalls. Danach nimmt die Leistung kontinuierlich ab und wenn sie noch älter werden, dann hemmt das die Produktionsleistung.“

Eve Yates starrt den Administrator mit offenem Mund an.

„Ist das ihr Ernst? Es geht ihnen nur um die Produktion, um Deuterium?“

„Was denken sie worum es hier geht?“

Darauf fällt ihr keine Antwort ein. Ja, was dachte sie eigentlich? Die Unternehmen möchten Gewinne erwirtschaften, was sonst eigentlich? War sie wirklich so naiv?

„Dr. Yates, Eve“, sagt der Administrator nun mit milder, gönnerhafter Stimme, „wie wäre es, wenn sie sich einfach wieder auf das konzentrieren, weswegen sie hier sind und die Gesundheit möglichst gut erhalten und die Injektionen verabreichen. Es ist ein ziemlich simpler Job und wenn sie die drei Jahre überstanden haben, dann können sie vielleicht etwas Nützliches mit den Ergebnissen ihrer Analysen anfangen.“

Noch leicht unter Schock sieht Eve nun zum Administrator auf.

„Was meinen sie?“

„Nun, vielleicht könnten sie dann in der Brutstation helfen die Arbeiter effizienter zu machen und vielleicht finden sie sogar heraus, wieso in letzter Zeit so viele von ihnen aus dem Rahmen fallen. Das ist ein ernstes Problem für uns, denn so langsam werden einige von ihnen unrentabel.“

„Unrentabel? Brutstation? Was bedeutet das?“

„Kommen sie. Es ist ihnen nicht aufgefallen. Vielleicht habe ich sie überschätzt. Diese „Menschen“ haben sich wohl kaum in so wenigen Generationen an die Umweltbedingungen angepasst. „Wir“ haben das gemacht, unsere Experten in den Biolaboren.“

Sprachlos, fassungslos sitzt die Ärztin auf ihrem Stuhl.

„Bitte, es gibt keinen Grund zur Sorge“, spricht der Administrator einfach weiter. „Diese Wesen sind unsere Kreation und sie können sie mit verbessern, wenn sie wollen. Sie können es sich sogar aussuchen, ob sie lieber die Injektionen weiterentwickeln möchten oder dafür sorgen, dass es keine weiteren unvorhergesehenen Anomalien gibt, die die Arbeiter zu emotional werden lassen. Das schadet der Gemeinschaft. Vielleicht gelingt es ihnen sogar die Anpassung an diese unwirtliche Umgebung zu verbessern und wir können bald auf die Druckausgleichsanzüge verzichten. Das würde Kosten sparen. Dafür bekämen sie bestimmt einen ordentlichen Bonus.“

Etwas gefasster fragt sie schließlich, „Sie meinen kein einziger von den Arbeitern ist wirklich geboren worden?“

„Nein, keiner. Sie müssen sich also nicht so sehr anstrengen. Es sind keine wirklichen Menschen.“

Eve schluckt.

„Aber ich habe Anomalien gefunden, Abweichungen selbst unter den Arbeitern.“

„Ein Experiment. Tomas ist etwas klüger, weil wir eben auch Vorarbeiter brauchen. Jeder spielt seine Rolle und alles läuft perfekt. Wenn sie noch einen Beweis brauchen, dass es sich um künstliches Leben handelt, dann sehen sie sich um. Was glauben sie wieso es keine Frauen hier gibt? Wenn sie eine Frau hätten, dann wären die Arbeiter mit familiären Problemen abgelenkt. So bleibt die ferne Illusion. Die Illusion von dem, was sie haben könnten.“

„Ich verstehe“, antwortet die Ärztin. „Allerdings …“

„Allerdings was?“, fragt der Administrator nun leicht gereizt.

„Nun ja, ich habe schon mit drei Arbeitern gesprochen. Einer möchte nicht mit mir arbeiten, aber die anderen beiden haben zugesagt. Was sage ich Ihnen jetzt?“

„Ja, das ist bedauerlich, aber es ist kein Problem für uns. Wir haben schon guten Ersatz in Aussicht. Solange spielen sie einfach ein wenig und geben vor weiterzuforschen. Vielleicht fördern sie ja tatsächlich etwas interessantes zutage.“

„Ist das dann alles?“ fragt Eve schließlich.

„Das bedeutet ich kann auf ihre Kooperation zählen?“, fragt der Administrator, sichtlich zufrieden mit seiner Überzeugungsarbeit.

„Ich werde tun was ich kann, um zu helfen“, erwidert Eve und verlässt den Raum.


Später sitzt Eve am Schreibtisch auf der medizinischen Station. „Ich habe keineswegs die Absicht diese Sache auf sich beruhen zu lassen und nur meinen Job zu machen“, denkt sie, als der Alarm an der Tür ertönt.

„Herein“, ruft sie und die Tür öffnet sich.

Hinter Frank und Tom, tritt überraschenderweise auch Patrick ein.

„Mister Olson, woher der Sinneswandel?“

„Ich bin nur neugierig, was für eine Geschichte sie heute zum Besten geben“, antwortet er.

„Nun, wie auch immer“ sagt sie lächelnd.

In den letzten Stunden hatte sie darüber nachgegrübelt, was denn zu tun sei. Dabei war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht nur die Unterstützung der drei brauchen würde, sondern auch, dass es schnell gehen musste, bevor jemand Verdacht schöpfen würde. Besonders knifflig war dabei die Frage, wie viel sie erzählen konnte und was sie ihr wohl glauben würden.

„Nun, meine Herren“, beginnt sie vorsichtig, „es gibt eine zentrale Einrichtung, eine Klinik, wenn man so will, in der wir ziemlich sicher Antworten auf ihre genetischen Anomalien finden werden.“

„Werden wir die anderen auch dort finden? Ist das der Ort, wo man sie hinbringt?“, fragt Tomas, der sich erst jetzt bewusst wird, was er da gefragt hat.

„Was meinen sie mit „wo man „sie“ hinbringt?““, fragt die Ärztin jetzt etwas misstrauisch.

„Vielleicht ist das der Zeitpunkt, die Karten auf den Tisch zu legen“, überlegt Tomas.

Also erzählt er, was er vor ein paar Tagen gesehen hatte, Die anderen sehen ihn überrascht an, bis Eve das Schweigen bricht.

„Ja ich vermute, sie werden auch an diesen Ort gebracht.“

„Bin dabei“, platzt es sofort aus Frank heraus. „Egal worum es geht.“

„Ich mache auch mit“, sagt Tom etwas vorsichtiger, während Patrick schweigt.

Tom fragt ihn nun direkt, „Was ist mit dir Pat? Angst?“

„Quatsch“, sagt er etwas zu schnell. „Also gut, irgendwer muss ja auf euch Dummköpfe aufpassen“, und grummelt dann vor sich hin, „Kaum taucht diese Frau auf, schon scheint es Ärger zu geben.“

Während Eve ihn misstrauisch ansieht, ignorieren ihn Frank und Tom.

„Also gut. Vielleicht möchten sie zunächst hören, wie der Plan aussieht. Der beinhaltet nämlich, einige Regeln zu brechen.“

Frank sieht auf einmal sehr zufrieden aus. Patrick wirkt allerdings noch missmutiger als vorher, wie Tom feststellt.

Da aber keiner etwas dazu sagt, fährt Eve schließlich fort, „Wir brauchen den Administrator. Nun ja, sein Wissen vielmehr, denn ich weiß nicht wo diese Einrichtung liegt und wie stark oder ob sie bewacht wird.“

„Und wenn wir dort hinkommen? Was dann?“

„Dann werden wir diese Einrichtung stilllegen“, sagt sie und macht dann eine Pause.

„Als ob sie das könnten“, sagt Patrick mit einem leicht spöttischen Unterton.

„Vielleicht kann ich das nicht, aber sie sind ja auch dabei und haben gesagt sie helfen mir. Die Energieversorgung basiert auf dem Deuterium, das sie hier produzieren. Sie werden sicher eine nachhaltige Lösung finden.“

„Und was wenn nicht?“, fragt Frank, nun etwas unsicher.

„Dann werden sie vermutlich auch verschwinden und sie werden sicher nicht die Letzten sein.“

Der letzte Satz hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Betroffen sehen die drei Männer zu der Ärztin auf.

„Also gut“, beginnt sie erneut. „Es würde sicher helfen, wenn wir ein paar Polizeiuniformen hätten. Ich werde sicher ohne auskommen, aber für sie wäre das die beste Tarnung, denn so werden sie vielleicht nicht einmal den Block verlassen können.“

„Tolle Idee“, spottet Frank. „Und wie kommen wir da ran?“

„Nun zwei stehen vor der Tür und die haben einen Ausweis für die Ausrüstungspunkte der Polizei. Wenn wir den haben, dann haben wir auch eine dritte Uniform und finden vielleicht auch noch etwas, um bei der Stilllegung der Klinik bessere Aussichten zu haben.“

„Klar, wir gehen einfach nach draußen und sagen den beiden, sie mögen uns bitte ihre Uniformen geben. Daran hätten wir auch denken können“, meint Patrick.

„Fast, Mr. Olson, fast“, entgegnet die Ärztin lächelnd.


Auf dem Rückweg zur Krankenstation überlegt Tom noch, ob es wohl richtig war, die Umweltkontrollen zu sabotieren. Frank neben ihm, scheint daran keinen Zweifel zu haben. Er wirkt wild entschlossen. Fast schon teilnahmslos hingegen, läuft Patrick hinter den beiden her. Ungewöhnlich für ihn, hat er die ganze Zeit kein einziges Wort von sich gegeben und nur zugesehen. Tom überlegt, wie Eve wohl die beiden Polizisten los werden will, noch dazu in voller Montur. Dann ertönt der Alarm, der das vorgegaukelte Leck anzeigt.

Als sie die medizinische Station erreichen, sind die beiden Polizisten verschwunden. Tom runzelt die Stirn, als sich die Tür öffnet und Eve vor ihnen steht.

„Gut, da sind sie ja endlich. Kommen sie rein und nehmen sie sich die Polizeianzüge. Einer von ihnen muss sich allerdings noch etwas gedulden.“

Da Patrick keine Anstalten macht einen der Anzüge zu beanspruchen, bedienen Frank und Tom sich bei den Polizisten.

„Wie haben sie das überhaupt gemacht?“

„Das Leck“, erklärt sie knapp und erntet nur verständnislose Blicke. „Ich hab ihnen gesagt, ich würde ihnen etwas gegen die giftigen Dämpfe der Atmosphäre verabreichen und ihnen dann ein Schlafmittel verabreicht. Sie sind für mindestens zwölf Stunden außer Gefecht.“

Frank wirft Patrick einen vielsagenden Blick zu. Der wiederum sieht eher unglücklich aus. Dann machen sie sich auf den Weg.

Kurz darauf stehen die vier vor der Tür des Administrators.

„Du wartest besser außer Sichtweite“, meint Frank an Patrick gewandt, der sich etwas widerwillig zurückzieht.

Eve muss den Türalarm dreimal betätigen, bevor der Administrator die Tür öffnet.

„Was ist mit dem Leck?“, fragt er.

„Ist unter Kontrolle, denke ich, aber wir sollten sicherheitshalber nach drinnen gehen“, antwortet die Ärztin. „Jemand könnte auf die Idee kommen, die Situation auszunutzen.“

Der Administrator tritt etwas unsicher beiseite und lässt die Drei eintreten. Nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hat, wirkt er sichtlich erleichtert. Doch im nächsten Moment wird ihm klar, was Eve gerade gesagt hat und er setzt ein misstrauisches Gesicht auf.

„Was meinen sie damit, jemand könnte die Situation ausnutzen?“

„Nun ja, genau das. Sehen sie ich wüsste gerne, wo diese „Brutstation“ ist und falls es ihnen nichts ausmacht, wäre es sehr zuvorkommend mir zu sagen, wie ich hineingelangen kann.“

„Eve“, sagt der sichtlich verunsicherte Administrator, den Tom noch nie so gesehen hat.

„Ich bevorzuge Dr. Yates, falls es keine Umstände macht. Die Informationen, wenn ich bitten darf?“, sagt sie mit einer Stimme die so sanft wie nur möglich klingt, aber einen Unterton hat, der Tom fast das Blut in den Adern gefrieren lässt.

„Sie beide, sie sind Polizisten. Sie müssen mich schützen, die Initiative. Wir bezahlen ihr Gehalt.“

Tom und Frank öffnen nun ihre Visiere und Frank grinst tatsächlich. Wieder sieht der Administrator die Ärztin an.

„Das können sie nicht tun, sich mit diesen … Titanen … verbünden.“

Wenn Tom nicht schnell genug schalten würde, dann wäre die Sache vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

„Denk an Mike“, zischt er und stellt sich direkt zwischen den Administrator und Frank.

Jetzt wirkt der Administrator wieder etwas selbstsicherer und setzt ein triumphierendes Grinsen auf.

„Ich werde ihnen nicht helfen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis jemand kommt und dann werden sie alle festgenommen und dann …“

„… was? Machen sie das mit uns, was sie mit Mike gemacht haben und Garry und wer weiß wie vielen anderen“, entfährt es Frank wütend. „Schon möglich, aber vorher …“

Er deutet auf die Waffe, die er zuvor dem Polizisten abgenommen hatte.

„Ich denke soweit muss es gar nicht erst kommen. Da ich ohnehin nicht davon ausgegangen bin, sie würden kooperieren, habe ich hier etwas, um sie ein wenig zu motivieren“, sagt Eve und verpasst dem verdutzten Administrator eine Injektion.

„Was war das?“

„Eine Motivationsinjektion, so nenne ich es. In ein paar Sekunden fangen sie an mir alles zu erzählen, was ich wissen möchte und vielleicht auch Dinge, die ich lieber nicht hören will … Nun ja …“


Patrick erwartet die Drei an der Ecke des Ganges.

„Was ist mit dem Administrator?“

„Schläft seinen Rausch aus“, entgegnet Eve knapp.

Auf dem Weg zum Shuttle machen sie noch einen Abstecher in eines der Ausrüstungslager für die Sicherheit. Mit wenig Begeisterung zwängt Patrick sich in einen der Anzüge.

„Bist du bald fertig oder brauchst du Hilfe?“, fragt Frank in gewohnt mürrischem Tonfall.

„Ist ja schon gut. Wieso nehmen wir überhaupt das Shuttle“, fragt er.

„Weil wir sonst nicht in die Klinik kommen.“

„Und wer soll das Ding fliegen? Ich bin ziemlich sicher, von uns kann das keiner.“

„Ich mache das“, sagt Eve, „und jetzt ein wenig Beeilung bitte.“

„Seit wann bist du überhaupt so ein Jammerlappen?“, möchte Frank schließlich wissen. „Wovor hast du denn so große Angst?“

„Ich … ich … hab überhaupt keine Angst“, erwidert Patrick trotzig.

Der Flug dauert nicht sehr lange. Als sie das kuppelförmige Kraftfeld durchqueren, dass die Brutstation einschließt durchfährt alle ein leichtes Kribbeln. Obwohl sie ihren Besuch nicht angekündigt hatten, stehen schon einige Sicherheitsleute bereit, um sie in Empfang zu nehmen.

„Was wollen sie hier? Mir wurden für heute keine Besucher angekündigt“, sagt einer von ihnen.

„Ich bin Dr. Yates, aus der Deuterium-Anlage. Der Administrator schickt mich. Da wir in letzter Zeit sehr viele Ausfälle hatten, soll ich mich erkundigen, wann es wieder Ersatz geben wird. Außerdem muss ich gestehen, dass ich ein großer Fan der Arbeit hier bin und sehr neugierig auf die ganze Anlage“, sagt sie lächelnd.

Unbeeindruckt sieht der Mann sie durch sein offenes Visier an.

„Sie brauchen trotzdem einen Zugangscode.“

„Ja sicher“, sagt sie und tippt etwas auf dem Tablet, das der Mann ihr hinhält.

„Und die Karte“, sagt der Mann wieder.

Die Tür hinter dem Mann öffnet sich automatisch und dort stehen ein Mann und eine Frau in weißen Kitteln.

„Keine Anzüge?“, fragt Eve überrascht.

„Nein, die brauchen wir hier nicht“, sagt die Frau. „Ich bin Dr. Larkin, Leiterin der Brutstation. Das ist mein Assistent, Eugene.“

Bei dem Wort Brutstation zuckt Tom innerlich zusammen. Was hatte das zu bedeuten? Er überlegt, ob Patrick und Frank es auch gehört hatten. Wenn, dann ließen sie sich nichts anmerken.

„Was wollen sie überhaupt hier?“, fragt Dr. Larkin.

„Oh, ich bin ein Fan ihrer Arbeit und da ich kürzlich einige Anomalien in der DNA einiger Arbeiter festgestellt habe, wollte ich unbedingt sehen, was sie hier machen und wie sie überhaupt soweit kommen konnten. Das Ganze ist furchtbar aufregend für mich.“

Für Tom ist es ein Rätsel wie jemand so selbstverständlich und so selbstsicher lügen kann. Andererseits war es vielleicht gar nicht gelogen. Der Teil mit den Arbeitern stimmte jedenfalls und wer weiß, vielleicht wollte sie sich tatsächlich von den Fortschritten der Arbeit hier überzeugen. Dr. Larkin scheint ihr jedenfalls zu glauben, sie scheint sich nun sogar über den Besuch zu freuen.

„Ich mache gerne einen Rundgang mit ihnen und zeige ihnen alles.“

Nach wenigen Minuten erreichen sie eine Tür. Diese ist offenbar mehrfach gesichert, denn Dr. Larkin muss nicht nur einen Code eingeben, sondern auch einen DNA-Scan machen lassen.

„Das ist unser Labor“, sagt sie beim Betreten des Raumes. „Hier denken wir alles neu. Dort hinten im Kühlraum bewahren wir die Proben auf.“

„Die Proben?“, möchte Eve wissen.

„Ja, die Proben der Ursprungs-DNA. Aus dem Nichts sind die Maschinen ja nicht gekommen.“

„Maschinen?“

„Die Arbeiter. Für mich sind es biomechanische Maschinen. Ich meine, manche denken sie sind ganz normale Lebewesen, aber für mich sind es Maschinen. Unsere Vorfahren hatten diese Vision und wir perfektionieren sie. Das ist doch fantastisch“, sagt sie und strahlt die entsetzte Eve an.

Patrick fängt ein wenig an zu zittern, während Eve sich sehr schnell wieder unter Kontrolle hat.

„Ja, deshalb bin ich so neugierig. Wie ist es ihnen so schnell gelungen, die benötigten Veränderungen herbeizuführen?“

„Ah, eine fantastische Frage“, entgegnet Larkin. „Hier sehen Sie die Antwort.“

„Was ist das? Ein Aquarium?“

„Nah dran, meine Liebe. Das ist die Ursuppe, wenn sie so wollen. Sie enthält Bakterien vom Titan.“

„Das sollen Bakterien sein? Die sind aber recht groß.“

„Nun ja, der ursprüngliche Plan sah vor, die Evolution drastisch zu beschleunigen und aus den Bakterien eine Lebensform zu entwickeln. Das hat sich allerdings als reichlich ambitioniert herausgestellt. Also haben wir die DNA der Bakterien mit der Ursprungs-DNA kombiniert.“

„Ja, Sie sprachen bereits von der Ursprungs-DNA. Was ist das genau?“

„Es ist die DNA der ersten Menschen, die hierher kamen. Und das Tolle ist, je weiter wir die Evolution dieser kleinen Lebewesen in der Ursuppe beschleunigen, desto widerstandsfähiger werden die Arbeiter, die aus der kombinierten DNA entstehen.“

„Wenn sie so widerstandsfähig sind, wieso sterben sie dann so früh?“

„Oh, eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wenn die Arbeiter alt werden würden, müssten wir sie versorgen. Also bauen wir ein Verfallsdatum ein. Wie bei der menschlichen DNA, die zufällig kombiniert wird, bauen wir zufällige Krankheiten ein, die schnell zum Tod führen. Sie können das vielleicht mit einem elektronischen Gerät vergleichen. Kurz nachdem die Garantie abläuft, geht es kaputt.“

„Nur das die Garantie hier etwa 50 Jahre beträgt.“

„30 Jahre“, entgegnet Dr. Larkin sofort.

„Bitte?“

„Es sind nur dreißig Jahre, denn sie sind ja schon erwachsen, wenn wir sie ausliefern.“

„Aber sie haben eine Krankengeschichte und Erinnerungen.“

Selbst Eve hat inzwischen Mühe ihr Entsetzen zu verbergen, aber noch ist es zu früh, um aufzuhören. „Hauptsache Frank dreht nicht durch“, denkt sie.

„Das ist Eugenes Spezialgebiet. Er und seine Vorgänger haben sich einige Elemente für die Biografien ausgedacht und die werden dann zufällig zusammengewürfelt. So entsteht der Eindruck einer individuellen Geschichte.“

„Bedeutet das, alle verbringen ihre ersten 20 Jahre hier?“

„Nein, natürlich nicht. Die Reifung in den Brutkästen dauert etwa ein Jahr. Deswegen heißt es doch „Brutstation“.“

„Aber irgendetwas stimmt mit den Arbeitern nicht oder?“

„Ja“, erwidert Larkin mit sichtbarem Unbehagen.

„In letzter Zeit helfen die entwickelten Injektionen nicht mehr so gut wie früher. Sie sollen zwar vor Krankheiten schützen, aber auch einige Komplikationen ausgleichen, die durch die kombinierte DNA und das schnelle Wachstum auftreten können. Außerdem halten sie die Arbeiter friedlich und zufrieden, um Aufstände zu vermeiden.“

„Und was davon funktioniert nicht?“

„Nun, viele der Arbeiter zeigen in den letzten Jahren vermehrt Emotionen, was eigentlich nicht sein sollte.“

„Die DNA-Anomalien.“

„Ja. Einige hatten wir selbst eingebaut, um Arbeiter zu züchten, die zu emotionale Handlungen melden und dann natürlich für solche, die höhere Aufgaben erledigen sollen.“

„Wie Vorarbeiter?“, möchte Eve wissen.

„Ganz genau.“

„Doch die Injektionen sind für Menschen gedacht und nicht für die fremde DNA? Könnte das die Probleme nicht erklären?“

„Es ist sogar sehr wahrscheinlich“, gibt Larkin unbehaglich zu. „Nur verstehen können wir es nicht.“

„Wirklich nicht, „Dr.“ Larkin? … Das nennt sich Evolution.“

„Aber es sind doch nur Maschinen“, fleht Dr. Larkin schon beinahe.

„… die sich weiterentwickeln“, ergänzt Eve. „Kann ich die Brutkästen sehen?“

„Ja, sicher“, erklärt Larkin jetzt wieder sichtlich begeistert. „Wir haben gerade damit begonnen eine neue Charge anzusetzen. Hier entlang.“

In einer großen Halle, von denen es mehrere zu geben scheint, stehen Kapseln in denen sich offenbar Körper befinden.

„Wenn wir eine neue Charge ansetzen, dann leiten wir eigentlich nur eine Art Flüssigkeit in die Kapseln, die auch zufällige DNA-Kombinationen enthält, damit es unterschiedliche Typen von Arbeitern gibt und kein Verdacht entsteht.“

„Deswegen gibt es auch keine Frauen unter ihnen.“

„Richtig. Dafür besteht kein Bedarf. Eine homogene Masse lässt sich leichter kontrollieren. Deshalb sind die Anomalien und Verhaltensauffälligkeiten auch so problematisch“, erklärt Larkin erneut.

„Was passiert mit den defekten „Maschinen“?“

„Sie werden hierher zurückgebracht und analysiert. Was dann übrig ist wird dem Energiekreislauf zugeführt.“

„Okay, jetzt ist es genug, denke ich“, sagt Eve schließlich ernst.

„Was meinen Sie damit?“

„Das alles hier. Es muss aufhören. Was sie hier tun ist grausam und unmenschlich.“

„Ist das so?“, fragt Larkin mit einem schneidenden Unterton. „Unsere Vorfahren haben sich über Jahrtausende die schlimmsten Dinge gegenseitig angetan. Ich könnte mir nichts menschlicheres vorstellen. Was wollen sie überhaupt wirklich hier?“

„Ich will Veränderung“, sagt sie. Dann kramt sie in ihrer Tasche und bevor Larkin reagieren kann, hat sie ihr eine Injektion verpasst und sie kippt fast augenblicklich nach hinten um. Tomas fängt sie leicht angewidert auf.

„Ich denke Handschellen wären keine schlechte Idee“, sagt Eve und deutet auf die Handschellen, die an Tomas Anzug befestigt sind.

Eugene versucht sich davonzuschleichen. Doch Frank hat aufgepasst und so leistet er kurze Zeit später Dr. Larkin Gesellschaft.

Während es Frank offenbar die Sprache verschlagen hat, ist von Patrick nichts zu sehen. Er scheint sich davongeschlichen zu haben. „Vielleicht hat er es nicht mehr ertragen und ist zum Shuttle zurückgekehrt“, denkt sich Tom.

„Was jetzt?“, fragt er.

„Wir sollten das alles zerstören“, meint Frank, der seine Sprache offenbar wiedergefunden hat.

„Nein!“, sagt Eve sofort. „Nicht alles. Das hier könnte eure Zukunft sein.“

„Wie das?“, möchte Tomas wissen.

„Indem wir eine weitere Anomalie hinzufügen“, sagt Eve lächelnd. „Gebt mir ein paar Minuten und bewacht die Tür.“

Da sie ihr vermutlich keine Hilfe sein würden, stellen sich die beiden an die Tür, während Eve die Kontrollen studiert und einige Anzeigen am Computer überprüft.

Nach nur wenigen Minuten zeichnet sich ein triumphierendes Lächeln auf ihrem Gesicht ab, sie zupft sich ein Haar aus und gibt es in eine Schale, die sie unter einen Scanner stellt. Dann drückt sie einige Knöpfe und dreht sich zu den beiden um.

„Zeit zu gehen. Vorher müssen wir allerdings noch einmal ins Labor, um dafür zu sorgen, dass die Forschungsergebnisse vernichtet werden und möglichst auch die DNA.“

„Werden sie dann nicht einfach von vorne anfangen?“

„Wahrscheinlich“, meint Eve. „Aber sie werden bei null anfangen müssen und das bedeutet sie brauchen Zeit. Die können wir nutzen und das Ganze öffentlich machen. Ein Freund von mir ist Journalist. Zugegeben, nicht ganz sein Spezialgebiet, aber es könnte ihn interessieren. Jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, solche Experimente sind verboten oder wenigstens unethisch genug, um einen Aufschrei in der Bevölkerung zu verursachen.“

Im Labor wird dann deutlich, wie wenig Wirkung die emotionale Kontrolle bei Frank noch zeigt, als er seiner Wut freien Lauf lässt, nachdem Eve die wichtigsten Daten über das Projekt auf einen Kristall geladen hat.

„Frank, ich verstehe, dass sie aufgebracht sind, aber wir müssen, die Sache etwas strukturierter angehen, wenn nichts übrig bleiben soll“, meint Eve schließlich.

„Was soll das bedeuten? Mike ist weg und er wird wohl nicht zurückkommen und Garry und die anderen auch nicht.“

„Um so wichtiger ist es, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht wieder geschieht. Wenn wir die Energiezufuhr zerstören, dann sind auch die Brutkästen hinüber. Wir würden alle darin töten. Aber wenn wir das Labor und die DNA-Proben verbrennen, dann brauchen sie eine lange Zeit, um alles wieder aufzubauen.“

„Was macht dich so sicher?“, fragt Tomas, der sie zum ersten Mal geduzt hatte, wie ihm erst hinterher auffällt.

Eve hingegen scheint es gar nicht zu bemerken oder es ist ihr egal.

„Ich denke es gibt kein Backup für diese Daten, weil solche Experimente verboten sind. Außerdem ist es unsere einzige Hoffnung.“

Als sie sich in Richtung des Shuttles aufmachen, steht plötzlich Patrick vor ihnen und hinter ihm einige Polizisten.

„Ihr habt alles kaputt gemacht. Ich hätte es vielleicht hier heraus geschafft. Der Administrator hat es mir versprochen als Gegenleistung für meine Informationen.“

„Du?“, fragt Frank ungläubig. „Du bist schuld an dem was sie Mike angetan haben?“

„Ich musste ihm jemanden geben, also habe ich von Tomas und seinen bescheuerten Büchern erzählt. Mike hätten sie sowieso geholt, nachdem er in der Bar Streit angefangen hat, also hab ich die Sache ein wenig beschleunigt. Damit niemand Verdacht schöpft, habe ich dich fürs Erste in Ruhe gelassen, aber ja ich war es und jetzt ist Schluss mit all dem. Nur so kann ich vielleicht doch noch hier raus kommen.“

„Glauben sie das wirklich?“, fragt Eve. „Das der Administrator sie hier rauslässt?“

„Ich bin mir sicher“, erwidert er trotzig.

„Schluss jetzt“, sagt einer der Polizisten. „Sie ergeben sich auf der Stelle und zwar alle.“

Patrick protestiert. Der Polizist zögert nicht lange und erschießt ihn vor den Augen der anderen.

„Pffft, ein Titan und ein Spitzel, wer braucht denn sowas? Jedenfalls sollte euch jetzt klar sein, wie ernst es ist. Von mir aus können wir euch auch direkt erledigen. Die Ärztin wollen sie allerdings lebend, also … Was ist das?“, ruft der Polizist.

„Wonach sieht es denn aus?“, fragt Eve trocken, während der Rauch aus dem Korridor hinter ihr hervorquillt. „Vielleicht sollten sie lieber retten was zu retten ist, bevor sie selbst in der Deuterium-Anlage oder schlimmer noch, in der Mine arbeiten müssen.“

Frank und Tom, die schon einige Arbeitsunfälle beobachten durften, ziehen die Ärztin zur Seite und versuchen sich an den, nun hektisch durcheinanderlaufenden, Polizisten vorbei, in Sicherheit zu bringen. Und das keinen Moment zu früh, denn obwohl er versichert hatte, sie bräuchten Eve lebend, feuern einige dorthin, wo sie gerade noch gestanden hatten.

Die Hektik und das Chaos unter den Polizisten ausnutzend, gelingt es ihnen den Überraschungsmoment für sich zu nutzen und zum Shuttle zu gelangen. Als Eve das Shuttle durch das Kraftfeld steuert, hofft sie einfach, die Brutkästen würden es unbeschadet überstehen.


Viel Zeit würde ihnen nicht bleiben. Ja vielleicht hatten sie das Projekt sabotiert und die Brutstation würde wohl einige Jahre brauchen, um sich davon zu erholen, aber das bedeutet natürlich nicht, sie würden sie davonkommen lassen. Nein so naiv war Eve nicht, um daran zu glauben. Ihre einzige Hoffnung ist Paul, der ihr hilft die Informationen zu verbreiten und der ihnen vielleicht helfen könnte zur Erde durchzukommen.

Es dauert eine ganze Weile bis sie zu ihm durchkommt, aber schließlich gelingt es ihr. Nach einem kurzen Gespräch wirkt sie deutlich entspannter und sogar Tomas ist einigermaßen beruhigt. Nur Frank wirkt seltsam abwesend.

„Weißt du“, sagt er schließlich zu Tomas, „Ich dachte wirklich du wärst es, der Spitzel meine ich. Dabei war es Patrick, die ganze Zeit.“

„Und ich dachte du wärst ein Idiot“, erwidert Tomas trocken. „Wir haben uns wohl beide täuschen lassen“, ergänzt er und streckt ihm die Hand entgegen.

„Wir sind gleich da“, sagt Eve. „Ihr solltet die Anzüge besser anbehalten und die Visiere unten lassen. Nur zur Sicherheit.“

Als die Drei aus dem Shuttle aussteigen, wirkt Eve erleichtert.

„Eine ganze Station werden sie wohl nicht angreifen.“

Sie laufen einen Gang entlang und während Frank und Tomas noch staunen, bewegt sich ein großer schlanker Mann, offenbar von der Erde, auf sie zu. Er breitet seine Arme aus.

„Eve, schön dich zu sehen“, sagt er lächelnd.

Doch Eve lächelt nicht.

„Was sollen die Polizisten?“, fragt sie stattdessen.

Er zieht eine Augenbraue hoch.

„Du hast doch auch deine Eskorte dabei.“

„Ja, weil sie mich immer zur Arbeit begleiten“, entgegnet sie mit einem falschen Lächeln. „Das weißt du doch. Aber hier oben ist es eher ungewöhnlich mit Eskorte durch die Station zu flanieren.“

„Du musst das verstehen“, flüstert er nun und alle falsche Freundlichkeit scheint plötzlich wie weggefegt. „Sie haben unser Gespräch abgefangen. Die Produktionsinitiative ist mächtig sauer. Sie möchten ein Exempel statuieren“, flüstert er und versucht dabei ihren Arm zu greifen.

„Wie kannst du das zulassen?“, faucht sie ihn an. „Du weißt worum es geht, was hier vorgeht und trotzdem hilfst du ihnen?“

„Ich hab doch gar keine Wahl“, wimmert der Mann.

„Es gibt immer eine Wahl“, sagt Frank. „Lauft zum Shuttle“, ergänzt er gerade laut genug, damit die Polizisten es nicht hören.

„Nein!“, erwidert Tomas sofort. „Nicht ohne dich.“

„Sei nicht blöd, Mann! Ich hab erreicht was ich wollte. Ich weiß wer der Spitzel war, was mit Mike passiert ist … Er war mehr als ein Freund für mich. Ich hab meine Aufgabe erfüllt. JETZT!“, brüllt er schließlich und reißt seine Waffe hoch.

Die überraschten Polizisten reagieren nicht schnell genug.

„Was soll das?“, schreit Paul. „Sie werden einfach mehr schicken“, ruft er während Tom und Eve wieder in Richtung Shuttle rennen.

Als Tomas einen Blick über die Schulter wirft, sieht er wie Frank gerade dabei ist Paul eine zu verpassen, der wimmernd zu Boden geht. Von irgendwoher ertönt ein Alarm und Tomas hört Füße in schwerer Montur, die im Laufschritt näher kommen.


Inzwischen ist Eve klar geworden, dass ihnen schon wieder die Zeit davonläuft. Konnte sie mit dem Shuttle bis zur Erde kommen oder auch nur bis zu einem anderen Planeten? Vielleicht einem der Jupitermonde. Fieberhaft versucht sie eine Lösung zu finden.

Tom hatte sein Visier hochgeklappt und sieht nun aus dem Fenster in Richtung Saturn. Unheimlich liegt er in seiner Größe vor ihm, fast so unheimlich wie die Produktionsinitiative ihm nun vorkommt.

„Ich weiß es nicht“, sagt Eve schließlich.

Tom sieht sie nur fragend an.

„Was zu tun ist meine ich. Ich weiß nicht mehr was zu tun ist, zum ersten Mal seit Langem.“

Doch während sie bereits einen Kurs zum Jupiter eingibt, taucht in der Ferne ein schnell näher kommender Punkt auf. Ihre Miene verdüstert sich.

„Was ist?“, fragt Tomas.

„Sie schicken jemanden um uns abzufangen, jemanden der sicherstellt, dass die Informationen hier bleiben.“

In diesem Moment beginnt sich etwas in Toms Gedächtnis zu regen. Es ist etwas aus einem dieser Bücher, die er gelesen hatte. Dort wurde der Saturn manchmal scherzhaft als „Der Herr der Ringe“ bezeichnet.

„Die Ringe“, sagt er nur und dieses Mal ist es Eve, die ihn fragend ansieht. „Ich weiß zwar nicht wie wir entkommen können, aber wir könnten Zeit gewinnen, wenn wir uns in den Ringen verstecken. Dort gibt es viele Gesteinsbrocken. Je größer das Schiff, desto schwerer wird es zu steuern sein, schätze ich.“

„Da ich keine bessere Option habe …“

Der Punkt am Horizont wird immer größer, bis sich die Konturen eines Schiffes deutlich abzeichnen.

„Fast geschafft …“, spricht Eve sich selbst Mut zu.

Dann tauchen sie in die Ringe ein, zwischen Gas und Geröll, sodass sie die Geschwindigkeit deutlich drosseln muss.

Das Kommunikationssystem meldet sich und obwohl Eve nicht weiß, was sie sagen soll, nimmt sie den Funkspruch entgegen.

„Ergeben sie sich“, fordert der Mann auf dem Bildschirm sofort.

„Und dann? Sie werden uns so oder so erschießen“, entgegnet Eve.

„Schon möglich, aber vielleicht leben sie so ein wenig länger.“

„Sie möchten uns doch nur nicht hier hinein folgen, sonst hätten sie uns längst abgeschossen.“

„Ich möchte Sie nicht töten, aber Befehl ist nun einmal Befehl. Ergeben sie sich jetzt oder nicht?“

„Ich passe, danke.“

„Ganz wie sie meinen“, sagt der Kapitän mit scheinbarer Gleichgültigkeit und beendet das Gespräch.

Eve steuert das Shuttle sehr geschickt zwischen einigen Gesteinsbrocken hindurch und Tomas ist sich sicher, der Kapitän wird wohl nicht in die Ringe fliegen. Dafür ist es hier zu dicht. Und scheinbar hat Eve sogar ein wenig Spaß am fliegen, ein wenig zu viel für Tomas Geschmack.

Das Schiff ist nun schon für einige Augenblicke von den Anzeigen verschwunden und Eve schaut immer wieder skeptisch dorthin, als könne sie kaum glauben, was sie da sieht oder besser, nicht sieht.

Dann ist es Tomas, der einen Schatten bemerkt.

„Hinter uns. Direkt hinter uns.“

Während Eve das Steuer herumreißt, blitzt es neben Tomas Fenster kurz auf.

„Das war knapp“, sagt Eve und beschleunigt das Schiff. „Der Typ muss wahnsinnig sein, gefährdet das Schiff und seine gesamte Crew.“

Eve muss nun ihre volle Konzentration aufbieten. Wie lange würde sie das durchhalten können? Ein so großes Schiff hatte sicher mehrere Piloten an Board und wenn sie Pech hatte warteten da draußen noch weitere Schiffe auf sie. Also war es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis sie aufgeben musste. Doch das könnte sie Tomas nicht antun. Er ist der Einzige, der es bis hierher geschafft hat und immerhin ist es ihre Schuld, dass er überhaupt in diesem Shuttle sitzt. Vielleicht hätte sie alles auf sich beruhen lassen sollen, keine Fragen stellen. Aber was wäre dann? Wie lange würde es noch so weitergehen?

Gerade steuert sie das Schiff zwischen zwei eng aneinander vorbeifliegenden großen Brocken durch, als hinter dem Shuttle ein Knall und ein furchteinflößendes Grollen zu hören ist. Sie waren ihnen so dicht auf den Fersen gewesen und einer der Brocken hatte direkt eingeschlagen. Offenbar brach gerade Feuer auf dem Schiff aus.

Während sie den Kopf dreht, um besser sehen zu könne, was mit ihren Verfolgern passiert ruft Tomas, „Achtung!“

Doch da ist es schon zu spät.

Geistesgegenwärtig betätigt sie den Schalter für die Notkraftfelder, doch ein Brocken hat bereits eingeschlagen und obwohl er Eves Gesicht nur leicht gestreift hat, wird sie ohnmächtig.

Selbst diese kurze Zeit hatte ausgereicht, um einen großen Teil der Luft aus dem Shuttle zu saugen. Das Letzte was Tomas vor Augen hat, bevor auch er das Bewusstsein verliert, ist der Herr der Ringe, dem das Shuttle entgegen taumelt.


Als Tomas die Augen aufschlägt, liegt er ausgestreckt da. Hatte er geträumt? So musste es sein. Eine Frau, eine Ärztin in der Deuterium-Anlage, einfach lächerlich. Wenn er das Patrick erzählen würde, was würde der wohl denken? Patrick. Ein wenig verspürt Tomas das, was man wohl als schlechtes Gewissen bezeichnet, weil er in dem Traum der Spitzel war und nicht Frank.

Er dreht den Kopf, um zu sehen, wie viel Zeit ihm noch bleibt, bis er zur nächsten Schicht muss, doch was er dort sieht, ist eine weitere Person, ebenfalls liegend. Es ist Eve. „Also doch kein Traum“, seufzt er. Doch was ist das für ein Ort. Er setzt sich auf.

„Eve“, flüstert er, ohne zu wissen wieso er flüstert.

„Vermutlich die Dunkelheit“, denkt er.

„Eve“, ruft er jetzt etwas lauter und sie rührt sich langsam.

„Mein Kopf“, stöhnt Eve. „Was ist …? Wo …?“

„Ah, sehr gut, sie sind wach“, sagt eine Frau.

Dann geht ein Licht an und Tomas und Eve erkennen einen Mann und eine Frau, die im selben Raum stehen. Die beiden lächeln.

„Es war gar nicht so leicht, euer Shuttle zu bergen“, sagt der Mann.

„Was ist das hier für ein Ort?“, fragt Eve, ohne das Gesagte zu beachten.

„Das ist die Saturnstation 34“, entgegnet die Frau.

„Saturnstation? Nie davon gehört.“

„Das überrascht mich nicht, aber nun da ihr hier seid, kann ich es euch ja erzählen. In der Atmosphäre des Saturn gibt es viele dieser Stationen.“

„Und wozu sind die gut und wieso weiß niemand davon?“, bohrt Eve weiter.

„So neugierig“, sagt die Frau, als wäre sie darüber erfreut. „Hier und auf den anderen Stationen haben wir dich gemacht und die anderen.“

„Bitte was? Ja, die anderen, die anderen Ärzte und die Administratoren und die Polizisten und ihr habt dann ihn gemacht und Seinesgleichen“, erklärt sie auf Tomas deutend.

„Die Sängerin“, sagt Tomas plötzlich.

„Oh, nein“, sagt der Mann. „Sie ist nur eine Illusion, ein Hologramm, erschaffen von den Administratoren. Eigentlich eine clevere Idee, denn sie verkörpert etwas, dass die Arbeiter wollen, aber wenn sie ihr zu nahe kommen, wird das Kraftfeld sie aufhalten. Die perfekte Konditionierung, um zu lernen, was nicht gut für euch ist. So wünschen es sich zwar alle, werden aber ohnehin kaum den Mut aufbringen, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Die perfekte Illusion.“

Nach einer kurzen Pause platzt es aus Eve heraus, „Nein, unmöglich!“, sagt Eve, die sichtlich um Fassung ringt. „Das ist unmöglich. Ich wurde geboren.“

„Ist das so?“, fragt der Mann und zieht eine Augenbraue nach oben.

„Du hast doch auch etwas erschaffen, nicht wahr?“, fragt die Frau.

„Was meinst du?“

„Stell dich nicht so dumm. Du hast eine neue Generation erschaffen, eine Generation Frauen.“

„Dann wisst ihr auch von der Zerstörung des Labors.“

„Ja, sicher. Das hatten wir tatsächlich nicht kommen sehen, als wir dich dorthin geschickt haben.“

„Ich glaube euch nicht. Ich wurde auf der Erde geboren.“

„Wenn du möchtest, bekommst du gerne eine Führung“, erklärt der Mann. „Ihr beide natürlich, denn immerhin habt ihr beide es bis hierher geschafft und das ist ein Glück für uns, denn jetzt können wir herausfinden, wie ihr soweit kommen konntet, was euch von den anderen unterscheidet.“

„Und dann“, möchte Tomas wissen.

„Das hängt von euch ab. Davon ob ihr kooperiert.“

„Kooperieren. Was meint ihr?“

„Nun ja, wir sind keine Barbaren, aber natürlich werden wir auch euer Genmaterial untersuchen, um von euch zu lernen, aber wir wollen auch an euren Erfahrungen teilhaben. Dazu werden wir euch befragen müssen, einzeln versteht sich, um die Geschichten zu vergleichen, eure jeweilige Wahrnehmung.“

„Wozu?“, fragt Eve.

„Um zu sehen, welche Entwicklung das Experiment nehmen wird.“

„Und wenn wir uns weigern“, möchte Tomas wissen.

„Dann gefährdet ihr das ganz Experiment, das ihr gerade so mühselig auf ein neues Level gehoben habt.“

„Das ganze Experiment? Das ist es für euch? Nicht mehr? Genau wie die Brutstation mehr ein Experiment ist oder war?“

Bei den letzten Worten ist Eves Ärger nicht zu überhören.

„Nun wir haben es im Grunde erschaffen.“

„Und was wenn euch nicht gefällt, was ihr herausfindet?“

„Nun Eve, vielleicht gibt es dann eine neue Eve und wir werden einfach von vorne anfangen müssen.“

Bild von Reimund Bertrams auf Pixabay

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